Menschen wollen in ihrer Gesamtheit und in ihrem Handeln wahrgenommen werden. Das ist kurz und bündig eine Tatsache die für uns alle gilt. Nicht wahrgenommen und somit unsichtbar für seine Umgebung zu sein, macht einen Menschen auf Dauer unproduktiv, apathisch und krank. Das sind Tatsachen die sowohl wissenschaftlich als auch durch tägliche Erfahrung fundamental untermauert sind. Für mich stellt sich in Anbetracht dieses Wissens jedoch oft die Frage, warum diesem Kapitel in der täglichen Praxis von Führungskräften so wenig Bedeutung beigemessen wird.
Ich habe mir so manchen Gedanken darüber gemacht warum es scheinbar für viele Führungskräfte so schwer ist, auf Mitarbeiter zuzugehen und ihnen zumindest für kurze Zeit ehrliche und ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken. Sehr oft hört man die Ausrede, dass es zu wenig Zeit hierfür gibt, aber Zeit ist sehr oft eine Frage der Priorisierung und in meinem Verständnis ist ein so essentieller Bestandteil der Zielerreichung gar nicht hoch genug einzuschätzen. Tragfähige Beziehungen basieren auf einem wertschätzenden und aufmerksamen Umgang miteinander. Genau solche Beziehungen schaffen die Atmosphäre für Teams die eigenständige Lösungen finden und eine gesunde, klare und konstruktive Feedbackkultur pflegen. Unter solchen Rahmenbedingungen muss Kundenfreundlichkeit oft nicht explizit thematisiert werden, da Freundlichkeit und Wertschätzung den täglichen Rahmen bildet. Führung über angstbasierte, autoritäre Strukturen zieht im Normalfall genau das gegenteilige Klima mit sich und ist durch wenig Eigenständigkeit und inkongruentes Verhalten geprägt.
Der Fokus auf eine Kultur der Wertschätzung bedeutet aber keinesfalls, dass es hier keine konstruktive und klare Kritik gibt. Diese Kritik stellt aber nicht die Kritik an der Person in den Mittelpunkt, sondern die Verfehlung in der Funktion die dieser Mensch erfüllt. Wird die Persönlichkeit eines Menschen pauschal kritisiert, ergeben sich oft tiefe Kränkungen und man öffnet den Raum für unnötige, zwischenmenschliche Dramen. Dramen mögen für manche Menschen das Salz in der Suppe sein, aber im Arbeitsalltag sind sie reines Gift für ein konstruktives und produktives Klima. Erklärt man dem Mitarbeiter wertschätzend welche Aufgabe er in seiner Rolle zu erfüllen hat und wo es konkret zu Abweichungen kommt, dann bietet man nur sehr wenig Fläche zur Drameninszenierung. Das gleiche gilt für die Anerkennung. Anerkennung von Menschen die uns ihr bewusstes Interesse signalisieren, wirkt deutlich authentischer und hat somit auch ein entscheidend höheres Gewicht beim Mitmenschen.
Ein weiterer Grund das Mitarbeitern oft nur wenig fokussierte Aufmerksamkeit geschenkt wird, liegt meiner Meinung nach auch häufig am Gefühl der eigenen fehlenden Wirkmacht. Wir werden im Normalfall nicht gerne mit Themen konfrontiert, für welche wir keine Lösungen anbieten können. Man geht solchen Situationen einfach gerne aus dem Weg. Genau das ist aber ein Bestandteil von Führung. Ich sage gerne Führung bedeutet dort hinzusehen, wo keiner hinsehen will und die Kraft zu haben, diesem Druck standzuhalten. Werden wir von Mitarbeitern mit Situationen oder Prozessen konfrontiert, welche völlig offensichtlich suboptimal ablaufen, dann kann man nur die drei oft besagten Alternativen „love it, change it or leave it“ anwenden. Wenn „change“ keine Option und „leave“ übertrieben ist, dann bleibt nur „love“ übrig. Hier würde mir die abgeschwächte Variante, nennen wir sie „die Akzeptanz“, besser gefallen. Aus meinem Verständnis heraus, bedeutet Leben sehr oft, dass wir lernen müssen, das Beste aus dem zu machen was wir vorfinden. Kurz gesagt mit den gegebene Umständen so gut wie möglich umzugehen. Wenn man dem Volksmund Glauben schenkt und das mache ich an dieser Stelle, dann ist das geteilte Leid ja bekanntlich nur das halbe Leid. Ich meine hier jedoch nicht jene Variante des geteilten Leids in welcher man sich im kollektiven Selbstmitleid suhlt und es somit noch verstärkt. Ich meine jene Variante in welcher man sich in der gemeinsamen Akzeptanz der Unvollkommenheit im Normalfall zu einer besseren Moral hochschwingt. Bei dieser Gelegenheit empfiehlt es sich auch oft, den Fokus auf das zu richten, was gut und außergewöhnlich gut funktioniert. Dieser Blick geht bei erodierender Moral im Normalfall besonders schnell verloren.